Mühltalschule, Turnhalle. Heute im Schlepptau meine Klasse 9a. In den letzten Wochen haben wir intensiv die Tennis-Grundlagen erlernt. Alle rennen los, um sich den besten Schläger zu sichern. Doch heute beginne ich die Stunde anders. Ich bitte alle, sich einen Partner/ eine Partnerin zu suchen und im Kreis zusammen zukommen. „Jeder bekommt nun einen Igelball von mir. Ich möchte, dass ihr euch gegenseitig den Schulterbereich massiert. Das wird die Muskulatur lockern und euch auf die heutigen Übungen vorbereiten.“ Verdutzte Gesichter erblicken mich, nicht lange dauert es und die ersten Kichereien fangen an. „Och ne, Herr Müller das ist ja voll strange.“ „Fällt das schon unter sexuelle Belästigung? Ich frage für eine Freundin.“ „Ihhhh Marcel, du riechst. Ich will nicht.“

 

Nunja, wirkliche Gegenargumente habe ich jetzt nicht. Also versuche ich meine Klasse zu beruhigen und lasse es ihnen frei, ob sie da mitmachen oder nicht. Ein Versuch war’s wert, aber warum ist jeder so verschlossen gegenüber Berührung? Hmmm, sicherlich spielt die Pubertät eine große Rolle. 

 

Zu Gast im heutigen Blogbeitrag: Christiane Hosemann von KidsRelax. Sie ist Trainerin für Stressmanagement, für Entspannungsverfahren (u.a. Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training), Yogalehrein (BYV), u.a. und arbeitet tagtäglich mit Kindern und Jugendlichen.

Berührung als Ur-Erfahrung steckt tief in uns drinnen

Vielen (vor allem jungen) Eltern ist der Begriff Bonding kein Fremdwort – es geht um den Haut an Haut Kontakt in den ersten Stunden eines Neugeborenen, der einer Überlebensstrategie gleicht. Vor allem Frühgeburten hilft dieser Kontakt sich selbst zu regulieren und besser zu atmen – aber woher kommt das.

 

#FACT: 1cm Haut hat 3000 Hautsinneszellen.

 

Aus wissenschaftlicher Sicht können wir unsere Hirnströme bei Berührung messen und sehen klar, dass hier unser vegetatives Nervensystem anspringt. Der Parasympathikus als unser „Ruhenerv“  wird angesprochen und sinkt Herz-, sowie Atemfrequenz.

 

Wir befinden uns im aktiven Stressabbau und Abwehrkräfte werden gestärkt. Also nichts wie los, Umarmungen sammeln, Händeschütteln, eine wohltuende Massage nach Feierabend einfordern oder die Geborgenheit des eigenen Partners genießen.

 

Dreimal darfst du aber nun raten, was wir tagtäglich mehr berühren:

 

Die Haut anderer oder unsere Smartphones? ????

Sportunterricht und Berührung: ein Tabu?!

Herausfordernde Zeiten (Pandemie) liegen hinter uns, der menschliche und zugleich analoge Vorgang wurde unterbrochen. Durch die Digitalisierung blieben wir im Kontakt, doch Berührungen verschwanden. Aber auch ohne Pandemie kämpfen Menschen schon viele Jahre in der sogenannten „Kaktusphase“ mit dem Thema Berührung:

 

Wenn Kinder zu jungen Erwachsenen heranwachsen und in die Pubertät kommen, fällt es Eltern und Lehrkräften oft schwer, einen gewissen Zugang zu erhalten. Die Unsicherheiten mit dem eigenen Körper, Aussehen und meist auch dem veränderten eigenen Geruch überwiegen.

 

Aber Achtung, auch wenn Selbstzweifel und Unsicherheiten groß sind, bleiben Bedürfnisse wie Sehnsucht und Geborgenheit erhalten.

 

In den Schulen herrschen jedoch Hemmungen auf beiden Seiten vor körperlichen Situationen. Viele Lehrkräfte distanzieren sich von Anfang an aus Angst vor Strafbarkeit und leisten keine oder nur die nötigsten Hilfestellungen. Ein großes Spannungsfeld, welches klarer Ausrichtung bedarf.

 

Dabei zählen Sportlehrkräfte doch eigentlich zu den sogenannten „Berufsberührenden“. Deren Berührungshandeln einer sozialen Normierung und Rationalisierung unterliegt. Was heißt das eigentlich genau… ist anfassen und zupacken immer erlaubt und sinnvoll?

 

Liest man im Beamten Portal heißt es: „ob Körperkontakt zwischen Schüler und Lehrer angemessen ist, entscheidet die jeweilige Situation.“ Stell dir dafür vielleicht folgende Fragen:

 

  • Benötigt ein Schüler/ eine Schülerin Hilfe?
  • Ist Aufmunterung und Trost nötig?
  • Läuft jemand Gefahr, sich zu verletzen?

 

Im Alltag sprechen wir oftmals über Worst Case Szenarien (was wenn die Schülerin mich anzeigt wegen sexueller Belästigung) und verlieren den Blick für das Wesentliche. Somit ist das Thema Angst vor unangenehmen Berührungen also auf beiden Seiten präsent. Es benötigt altersgerechte Sensibilisierung, Aufklärung und Transparenz. Vieles wird einfach „schon immer so gemacht“ und gar nicht thematisiert.

 

Nehmen wir das Beispiel Schwimmen. Wir hinterfragen nicht die Wichtigkeit des Schwimmen-Lernens. Aber bedarf es nicht etwas mehr Aufklärung und Sensibilisierung bevor man eine Klasse halbnackt im Schwimmbad loslässt. Was vorher noch gut unter dicken Wollpullis und weiten Hosen verdeckt war, wird nun entblößt und zu Schau gestellt ohne Rücksicht auf Verluste. Das kann für viele Kinder und Jugendliche zu Verstörungen führen.

Kann Sportunterricht mehr (Ver)Bindung schaffen?

Wir sind Körperwesen, wachsen damit auf und Körperlichkeit gehört zum Gruppengefühl dazu. Doch ohne fehlendes Wissen und Absprachen, separieren wir uns immer mehr selbst. Damit wird der bewusste Wandel Richtung Achtsamkeit unterbrochen. Natürlich machen es die aktuellen Gegebenheiten nicht immer einfach, wir bewegen uns in einer Pandemie Blase. Umarmungen oder Handbewegungen haben uns „früher“ den Start in eine Kommunikation erleichtert. All das muss sich erst wieder neu finden.

 

Aber GOOD NEWS: Auf lange Sicht gesehen lassen sich unsere Impulse nicht unterdrücken.

 

Betrachten wir unseren Hormonhaushalt, kennen wir alle das sogenannte Oxytocin. Auch Friedlichkeitshormon oder Bindungshormon genannt. Durch Ausschüttungen herrscht nachweislich eine geringere Gewalt Bereitschaft. Frieden beginnt auf körperlicher Ebene.

 

Die Profis machen es vor:

Schaut euch im Profisport um: Körperbetonte Rituale sind ein fester Bestandteil. Teams umarmen sich vor Wettkämpfen oder geben sich High Five. Das fördert die Verbindung, den Teamgeist und motiviert. Praxisimpuls: Findet doch mit einer kleinen Hausaufgabe gemeinsam heraus, welcher Sport, welche körperlichen Rituale nutzt und sammelt die Ergebnisse in der nächsten Sportstunde – nachmachen erlaubt.

 

Im Sport haben wir optimale Bedingungen, um Strategien der Stressbewältigung einzubauen. Zum Beispiel kannst du mit deiner Gruppe nach intensiven Sporteinheiten mit kleinen Massagen beginnen. Frage aktiv in die Gruppe und stelle vorhandene Hilfmittel (z.B. Bälle) vor. Sollte es zu Beginn schwierig sein, empfehlen wir dir den Einstieg in den spielerischen Kontext. Den Yoga Baum als Gruppenarbeit oder Rückenhebung mit Schaukeln.

Kleine Rituale erleichtern den Start.

Es muss nicht die klassische Massage sein, Berührungskontakte über Spiele sind ebenso möglich. Ein Beispiel:  Die Ellenbeuge von Schüler/in A liegt frei. Diese malt sich mit einem Stift einen Kreis auf den Arm. Die Stelle sollte als sensibel gewählt sein. Schüler/in B nimmt nun einen Gegenstand (Stift, Feder, etc.) und spaziert über den Arm von Schüler/in A. Mit verschlossenen Augen muss nun Schüler/in A ein Zeichen geben, wenn er/sie denkt, Schüler/in habe mit dem Gegenstand den Kreis erreicht. Die Kniekehle ist auch als Alternative möglich. Die Übung bringt eine spannende Erfahrung und das Bewusstsein wird gefördert. Wann berührt mein Gegenüber den Kreis oder vielleicht liegt mein sensibelster Punkt ja auch ganz woanders?

 

Diese Erfahrungen wirken sich positiv auf die eigene Körperwahrnehmung aus, besonders für Kinder und Jugendliche, welche oft erfahren müssen, dass Bedürfnisse nicht gehört oder gesehen werden. Sie beziehen z.B. die Reaktionen ihrer Eltern auf sich und „stumpfen“ ab bzgl. körperlicher Berührungen. Positive Erfahrungen stärken die Wahrnehmung nachhaltig.

 

Körper und Geist kommen in Einklang.

 

Fazit im Schulalltag

Das A und O sind klare Regularien. Rede mit deiner Gruppe, sie haben vielleicht dieselben Sorgen und Gedanken wie du. Je nach Alter solltest du unterschiedliche Ansätze wählen, deiner Gruppe auf Augenhöhe begegnen und ansprechen, was genau gewünscht wird.

 

Wir möchten dich ermutigen, die Möglichkeit für Berührungen zu schaffen! Aus Verunsicherung nichts zu tun, wäre auch nicht richtig. Gemeinsam dürfen wir lernen, dass Berührungen gut tun können.

 

WHEELUP!YOU.

Freitag, 14:30 Uhr in der Theresienschule: Fortbildungsnachmittag. Da sitzt ein Experte zum Thema „wertschätzende Kommunikation“.

 

Aber ganz ehrlich, ich verstehe nur Bahnhof. Also ich lobe meine Lernenden schon so gut es geht, versuche immer mehr den Fokus darauf zu legen, was richtig war. Und ich rede mit ihnen auch angemessen und mit Respekt, aber die brauchen keine „Heile Welt, hallo meine lieben“. Weiß der Typ da vorne, wie die selbst untereinander kommunizieren? „Ey Bro, du siehst heut echt scheiße aus – was los?“ „Hi Bitch – wie war dein Weekend?“ Und dank Tik Tok und Co haben meine Worte auch nur 3,3 Sekunden Aufmerksamkeit, dann swipen sie (gedanklich) weiter.

Zu Gast im heutigen Blogbeitrag: M. Sc. Psychologin Laura Kopp. Sie ist systemische Beraterin und arbeitet tagtäglich mit Jugendlichen in einer offenen, verständigen und wertschätzenden Atmosphäre. 

Neben all den Herausforderungen des Alltags einer Lehrperson auch noch diese: Einerseits zeigen Wissenschaft und Forschung ganz klar, dass positives Feedback zu verbesserter Arbeitsatmosphäre, mehr Zufriedenheit und gesteigerter Leistung führt. Die pädagogische Psychologie hat vielfach erwiesen: Lernen gelingt am besten, wenn wir uns pudelwohl fühlen, in Kombination mit positiven Emotionen und frei von Zwang, Angst und Bewertung. Andererseits ist Bewertung oder Rückmeldung geben ein Hauptgeschäft der Lehrkräfte. Feedback geben, auch über das was noch nicht klappt, bietet die Grundlage dafür, dass sich Schüler entwickeln können. Im Sportunterricht steht dann auch noch (vermeintlich) der Körper der Kinder und Jugendlichen im Rampenlicht. Ein rotes Tuch für jedes Selbstwertgefühl in einer so sensiblen Phase, in der die (Ab- und) Be-Wertung der eigenen Person sowieso schon Achterbahn fährt.

 

Was für eine Aufgabe! Wie kann das Zusammengehen? „Nett sein“ aber trotzdem „lehrreich“? Partystimmung bei der Fehlerbesprechung? Kritische Rückmeldung geben aber dabei nicht abwerten? Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma bietet eine bewusst wertschätzende Sprache. Lies in diesem Beitrag über Wirken und Nutzen wertschätzender Kommunikation und lass dich von drei Impulsen für kleine Umsetzungen in deinem Alltag inspirieren. Weil es darauf ankommt, wie wir miteinander reden.

Grundbedürfnis aller Menschen: Ich will geschätzt werden… und das soll man auch hören!

Ein tiefes psychologisches Bedürfnis des Menschen ist es, sich selbst als einen respektablen, guten, wertvollen Menschen zu sehen. Dazu brauchen wir auch wohlmeinendes Feedback und positive Bestärkung von außen. Grade Heranwachsende benötigen es zur Entwicklung eines positiven Selbstbewusstseins, zur Entfaltung einer differenzierten Persönlichkeit und damit sie an Herausforderungen nicht scheitern, sondern sie meistern und aus ihnen gestärkt hervorgehen. Es erhöhen sich nicht nur Leistung und Zufriedenheit, Verhalten lässt sich auch einfach effektiver durch positive, als durch negative Rückmeldung verändern. Und vorallem: Lernen gelingt besser. Dies funktioniert, denn positive Kommunikation hat eine Wirkung auf unseren Körper: Werden wir wertgeschätzt durch positives Feedback und echte Anerkennung, aktiviert das das Belohnungszentrum im Gehirn und hemmt das Angstzentrum. Das wiederum erhöht Kreativität und Motivation. Optimale Lernbedingungen sozusagen.

 

Dieses Urverlangen nach Wertschätzung bleibt ein Leben lang bestehen. Besonders dramatisch zeigt es sich auch, wenn wir über lange Zeit keine Wertschätzung erhalten oder dauernd Abwertung erfahren. Das Gefühl nicht gut (genug) zu sein, nichts wert zu sein macht wortwörtlich krank – vom Unwohlsein, über den Leistungsabfall bis hin zu manifesten, psychischen Problemen. Im Schulalltag beobachtbare Phänomene wie (Cyber-)Mobbing, Selbst- und Fremdaggression, Suizid oder gar Amoklauf haben oft viel mit einem Mangel an Wertschätzung zu tun. Aber nicht nur der Extremfall hat Bedeutung für den Unterricht. Im Schulalltag sehen sich Kinder und Jugendliche einer ständigen Bewertung durch Lehrpersonen und Mitschüler ausgesetzt. Jeder Satz, jede Meldung, jede Regung wird in irgendeiner Form bewertet und kommentiert. Jeden Tag und jede Stunde gibt es Feedback über Leistung und Verhalten. Jede dieser Bewertungen durchläuft den inneren Kritiker. Ein abwertender Kommentar von Mitschülern oder Lehrkraft beispielsweise wirkt immer erstmal als Bedrohung für das Selbstbild. Unter den dadurch kurzfristig ausgeschütteten Stresshormonen kann sich die betroffene Person meist überhaupt nicht mehr auf den Lerninhalt konzentrieren. Er oder sie ist nämlich dann damit beschäftigt, sich innerlich (oder äußerlich) zu rechtfertigen, zu beruhigen, zu verdrängen oder mit anderen Angst-Copingstrategien. Besonders heikel: Im Sportunterricht wird vermeintlich der eigene Körper bewertet und in seinen ganzen Defiziten vor den anderen zur Schau gestellt. Das ist keinesfalls Absicht oder Ziel einer leistungs- und entwicklungsbezogenen Rückmeldung oder Hilfestellung im Sportunterricht. Dennoch wird es von vielen Kindern und Jugendlichen so wahrgenommen. In dieser Phase, in der sich Selbstbild und Selbstwertgefühl grade entwickeln,- und durchaus sehr instabil sein können – hat das oft nicht zu unterschätzende Auswirkungen. Da scheint es nachvollziehbar, dass sich manch einer lieber gar nicht erst solch einer Situation aussetzt und lieber auf der Bank oder gleich zuhause bleibt.

 

Das bedeutet natürlich nicht, dass du ab jetzt keine Kritik mehr äußern darfst oder dass wir alle nur noch „schleimen“ sollten. Es ist nun mal Realität, dass nicht alles was wir tun, von allen Seiten bejubelt wird. Und wie gesagt, eine der wichtigsten Aufgaben im Alltag einer Lehrkraft ist es ja, immer wieder Rückmeldung zu geben. Das ist nicht wegzudenken – im Gegenteil: Konstruktives Feedback ist für Lernen, Persönlichkeitsentwicklung und das Leben insgesamt unerlässlich.

 

Aber es bedeutet, dass wir genau prüfen sollten, wie wir Rückmeldungen geben, was unser Grundton in der Kommunikation ist und wie wir in den Klassenzimmern miteinander sprechen. Und es zeigt in aller Deutlichkeit: Sprache ist kein Kuschel-Thema! Wertschätzende Kommunikation meint nicht ein paar „warme Worte“, sondern ist ein echter Schlüssel für die Zusammenarbeit mit Menschen.

 

Und wie sieht es in der Praxis aus?

Wertschätzende Kommunikation im Schulalltag? Aber hallo! Auf allen Ebenen, auf denen dir Kommunikation begegnet, kannst du von bewusst wertschätzender Sprache profitieren. Für eine erste, persönliche Bestandsaufnahme können folgende drei Ebenen betrachtet werden: Wie rede ich mit meiner Schülerschaft (und sie mit mir)? Wie spreche ich mit den Eltern? Wie reden wir Lehrkräfte untereinander, miteinander, über einander? Auf allen drei Ebenen gibt es sprachliche Herausforderungen und Fallen, vermutlich kennst du selbst genug davon. Aber es gibt eben auch immer Möglichkeiten, Sprache bewusst zu gestalten.

 

Schülerschaft: Besonders schwierig wertschätzend (oder wenigstens neutral) zu kommunizieren erscheint es, wenn der Grundton in einer Klasse, Alters- oder Peer-Gruppe voll verbaler Aggression ist. Wenn Beleidigungen und Schreien Alltag oder sogar Inn sind. „Hey alte Fot**!“ – ist die beste Freundin. Überwältigt resigniert man vielleicht: „Die kennen das nur so, die können das nur so.“ Schneller als man denkt, lässt man sich selbst von diesem Sog mitreißen. Sprache färbt ab. Sprache schafft Realität. Dieser Kreislauf lässt sich aber auch umkehren: Die Lehrperson ist und bleibt Vorbild, so auch ihre Sprache. Durch bewusstes Sprach-Management in der Klasse können Kinder und Jugendliche Wertschätzung nicht nur erfahren (und genießen), sondern auch lernen, wie das geht. Welche Beleidigungen toleriere ich in der Klasse? Welche Feedbackvorschläge und alternative Formulierungen gebe ich meiner Schülerschaft an die Hand? Wie und wie oft melde ich Stärken und Erfolge zurück? Wie drücke ich mich selbst aus, wenn ich verärgert oder wütend bin? Dabei gilt, je früher man bewusst wertschätzende Kommunikation etabliert, desto stärker die Auswirkung auf das Klassenklima.

 

Elternebene: Bei der vorherrschenden Ressourcenknappheit reicht die Zeit für Elterngespräche oft grade nur so für Problem- und Krisengespräche. „Elterngespräche“ haben deswegen ja nicht so das beste Image. Keine guten Startbedingungen für konstruktive Gespräche! Eine Möglichkeit ist es ganz bewusst,- präventiv sozusagen, positiven Kontakt zu den Eltern zu suchen. Eine kurze Rückmeldung bei Erfolgen, ab und zu mal eine Rundmail nach einem gelungenen Klassenprojekt. Und statt zu schimpfen erstmal anerkennen: Grade in Krisengesprächen ist es für Eltern unglaublich wertvoll, (auch mal) positives Feedback über ihre Kinder zu bekommen. So eine wertschätzende Rückmeldung zu Beginn eines Gesprächs kann ein echter Türöffner für die folgende Krisenarbeit sein.

 

Kollegium: Wie miteinander gesprochen wird, hängt maßgeblich mit dem zugrundliegenden Klima der Wertschätzung an der Schule ab. Diese wird durch Leitbild und Leitungsebene getragen und gelebt (oder eben auch nicht). Hängen überall Anti-Mobbing-Plakate aber die Führungsebene lästert im Lehrerzimmer ordentlich mit? Wie wird über die Schülerschaft gesprochen? Wer moderiert Gespräche, greift jemand ein bei Beleidigungen und Schimpftiraden? Und welche Möglichkeiten werden den Lehrpersonen denn gegeben, ihren Frust oder Ärger anzubringen? Als Einzelperson hat man es manchmal wirklich schwer, sprachlich etwas zu ändern, wenn das Klima insgesamt nicht stimmt. Aber da wiederum liegt auch die Möglichkeit des Top-Down-Role-Models: Führungspersonen als Vorreiter, denen ein respektvoller, wertschätzender Umgang wichtig sind, können viel bewegen. Neben der Vorbild- und regulierenden Funktion können sie auch Ressourcen frei machen für kommunikationsbezogene Fortbildungen und Projekte. Aber auch du als Einzelperson kannst in deiner Arbeit, in deiner Sprache jeden Tag neu entscheiden, bewusst wertschätzend zu formulieren und somit einen Unterschied zu machen.

 

Das Wichtigste zum Schluss: Für nachhaltig wertschätzende Kommunikation in der Schule scheint es mir ganz wesentlich, entspannt zu bleiben. Sie soll einfach sein und guttun. Es geht nicht darum, jedes einzelne Wort perfekt zu formulieren und ja nie wieder etwas Negatives zu sagen. Und wenn man dann eben doch mal aus der Haut gefahren ist und die Zunge mehr Abwertung und Ärger (denn professionelle Sachlichkeit) herausgeflucht hat, kommt das Wichtigste ins Spiel: Wertschätzend mit sich selbst sein. Sich freundlich als Menschen erkennen. Die eigene Situation und Anstrengung achten. Und morgen der Wertschätzung eine neue Chance geben. Vielleicht ja mit einem der folgenden Impulse.

Drei Impulse für das Schulgeschehen

Wertschätzender Abschluss

Eine Abschlussrunde, Abschlussfeedback als Kreis oder spontanes Melden sind etablierte Methoden, einen Unterricht zu beenden. Wird so eine Feedbackrunde ritualisiert, bietet sie eine pragmatische, kurze, akzeptierte und häufig sogar von der Schülerschaft geschätzte Möglichkeit einen Unterricht oder einen Tag zu beschließen. Warum nicht mal statt dem klassischen „Das war gut“, „Das war schlecht“, oder was du sonst so kennst, ganz bewusst etwas Wertschätzung einbringen? Zum Beispiel mit folgenden Feedbackfragen:

 

Wofür möchte ich mich heute bedanken (und bei wem)? Bei wem möchte ich mich heute entschuldigen (und für was)? Was ist mir aufgefallen, was … heute echt gut gelungen ist und ich möchte es zurückmelden? Und was ist dir selbst aufgefallen, hat heute in der Klasse etwas besser oder sogar echt gut geklappt…?

 

Less Sh**-Talk in Klassenkonferenzen

Besonders gefährdet für abwertende Kommunikation sind hoch emotional aufgeladene Situationen wie die Krisen-Klassenkonferenz. Klassischerweise einberufen, wenn das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist. Ärger und oder Verzweiflung bestimmen die Situation – oft auch sprachlich. Bei allem Verständnis für die Schwierigkeit der teilnehmenden Lehrpersonen, eine defizitorientierte, problemfokussierte Kommunikation oder ein persönliches Abwerten des „Arschloch-Kindes“ (ja, leider sprechen immer noch manche Pädagogen innerhalb der Ausübung ihres Berufes so über die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche) sind neuro-psychologisch gesehen einfach nicht hilfreich. Sie Vergiften nicht nur das Arbeitsklima sondern hemmen die Entwicklung von Lösungsstrategien durch das Binden kognitiver Ressourcen.

 

Natürlich darfst du darauf hinweisen, wenn die Kommunikation ein professionelles, arbeitsbezogenes Niveau verlässt – falls das die moderierende Person grade mal vergessen hat. Aber vielleicht können dir auch folgende Impulsfragen Anregung für solch herausfordernden Situationen sein:

 

Wie sprechen wir über die uns anvertrauten Kinder und Jugendliche? Wie würde es sich auf meine Leistung, Motivation und Verhalten auswirken, wenn so über mich gesprochen würde? Welche Lehrperson spricht in welcher Situation wie über die betreffenden Schüler? Welche eigenen Gefühle und Bedürfnisse könnten abwertenden Kommentaren zugrunde liegen? Welcher Lehrkraft gelingt es, trotz allem, etwas Wertschätzendes über den Index-Schüler zu sagen? Wie gelingt ihr, ihm das (nachfragen erlaubt!)? Was könnte ich selbst, an berechtigtem, positivem Feedback einbringen, um den Shift der Arbeitsatmosphäre hin zur Lösungsfokussierung zu unterstützen…?

 

Der kleinster, erster Schritt

Absolut banal und doch so essentiell: Begrüße deine Schülerschaft freundlich, mit einem Lächeln und sprich sie dabei mit ihrem Namen an. Das Bedürfnis nach Wertschätzung beginnt damit, als individuelle Person gesehen zu werden, egal in welchem Alter oder Kontext. Jemandes Namen zu kennen und ihn oder sie mit diesem anzusprechen legt den Grundstein dafür. Das ist doch selbstverständlich? Dann achte doch mal darauf: Kennst du alle Namen deiner Schüler? Und vor allem – wissen die das auch?! Wie oft begrüßt du die Kinder und Jugendlichen mit ihren Namen? Und wo befinden sich deine Mundwinkel, wenn du die Tür zum Klassensaal öffnest…?