Marienschule, Turnhalle. Ich spiele heute mit meiner 8b Handball – finden eigentlich alle ganz cool, muss ich feststellen. Also lockere Stimmung, gute Spielläufe, Teamgeist… hey das ist doch mal eine entspannte Sportstunde. Dann passiert es, Jonas hat die Ballführung übernommen (ok – eher ausversehen) und befindet sich an der Freiwurflinie. Komm schon – den kriegst du rein, Jonas. Doch dann das – er gibt den Ball ab – nur leider an den Gegenspieler. Das sorgt für Aufregung. Seine Mitlernenden beschimpfen ihn „wie kann man nur so blöd sein“, „was war denn das für ein dummer Fehler“, „bist du total unfähig“?

 

Ich stehe daneben, versuche die Meute zu beruhigen und sage Dinge wie „naja das passiert“, „das war sicherlich keine Absicht“ und leite das Spiel wieder an. Nach der Stunde beobachte ich Jonas, wie er kleinlaut die Halle verlässt. Ach Mensch, warum tun Fehler oft so weh?

Was verbinden wir mit „Fehler machen“?

Fehler machen ist oft mit negativen Gefühlen verbunden. Ob es in der Schule eine falsche Antwort in einem Test ist oder später im Beruf ein großer Fehler, mit dem ein Projekt gescheitert ist: Fehler machen gehört zu unserem Alltag. Doch muss ein Fehler immer ein negatives Ergebnis haben? Was, wenn wir Fehler als etwas Positives betrachten und aus ihnen lernen?

 

WELCOME POSITIVE FEHLERKULTUR

In einer positiven Fehlerkultur werden Fehler nicht als „Problem“ dargestellt oder als etwas schlechtes, sondern man betrachtet Fehler als Teil des Lernprozesses. Wenn es uns gelingt diese Kultur in der Schule zu etablieren, dürften mehr Kinder den Mut haben, Neues zu probieren und Dinge zu wagen, die sie vorher vielleicht gescheut haben. Obwohl sie weiterhin vorsichtig sein werden, werden sie weniger Angst haben zu versagen und sich dadurch abgelehnt zu fühlen und ihr Wissen und Fähigkeiten erweitern.

 

Ich möchte dir Mut machen, unterstützend statt kritisch zu sein. Versuche, die Fehler deiner Lernenden nicht nur als einen schlechten Wert, sondern als eine Möglichkeit der Weiterentwicklung zu betrachten. Das ist sicherlich nicht einfach.

 

Herausforderung Nummer 1

Da haben wir unser Bildungssystem, das leider immer noch lieber die Fehler hervorhebt, statt das Entwicklungspotenzial. Je mehr Fehler gemacht werden, desto schlechter wird die Note – das macht Angst und frustriert. In der Schule setzen wir also dank unseres Bildungssystems auf „Fehlervermeidung“ und damit gehen vielerlei gute Lernanlässe verloren – schade.

 

Herausforderung Nummer 2

Und dann sind da noch unsere Kinder und Jugendliche der heutigen Zeit  – zum Teil sehr selbstkritisch, ehrgeizig und mit (vor allem in der Pubertät) meist schnell sinkendem Selbstwert wenn es um Fehler geht. Das Resultat: Die Generation Z hat bereits in der Schule, aber spätestens zu Beginn des Berufslebens bereits mentale Probleme, fühlt sich überfordert oder gestresst.

Exkurs:

Hier ein kleines Experiment zum Thema Selbstwertgefühl: Nimm einen Geldschein mit in den Unterricht und zeige ihn der Gruppe. Frage ganz offen und ehrlich, wer möchte den gerne haben?

 

Sicherlich werden sich alle melden. Dann nimm ihn und falte ihn ganz klein und stelle wieder die gleiche Frage. Anschließen verkrumple ihn, reiße ihn ein wenig ein, tritt mit deinen Füßen drauf rum.

 

Und nun frage erneut „wer möchte gerne diesen Schein haben?“ Sie werden vermutlich verwundert sein, aber feststellen, dass der Schein ja nicht an Wert verloren hat.

 

Die Moral der Geschicht‘: Egal welche kleinen Fehler du hast oder machst, was andere vielleicht mit dir machen oder über dich sagen – es ändert nichts an deinem Wert.

 

Zurück zum Kern:

Wenn wir eine positive Fehlerkultur im Unterricht leben, steigt die Chance dass unsere Lernenden mehr Mut aufbringen, Neues zu versuchen und eine höhere Risikobereitschaft haben. Sie werden selbstständiger denken und Probleme eigenständig lösen lernen., die eine hervorragende Grundlage für ein erfolgreiches Berufsleben bilden.

 

Wie kannst du die positive Fehlerkultur in der Schule leben?

Wir geben dir ein paar Impulse – natürlich immer abhängig von deiner aktuellen Unterrichtssituation, deiner Lerngruppe und auch von deiner eigenen mentalen Verfassung.

 

  1. Ermutige deine Lernenden, einander respektvoll zu korrigieren. Zeige ihnen Möglichkeiten, wie man sich bei möglichen Fehlern gegenseitig unterstützt. Das schafft ein positives Umfeld für Lernen und Erleben. Hier geht es vor allem um das Beachten von Bedürfnissen in einer Gruppe. Besprecht was die einzelnen Bedürfnisse sind/ sein könnten. Könnte sein, dass Bedürfnisse wie „sicherer Raum“ „Harmonie“ und „Angenommen werden“ zur Sprache kommen. Wenn diese Bedürfnisse für alle verständlich und nachvollziehbar sind (ihr könnt sie auch gerne auf einem Plakat sammeln oder du gibst Vorschläge) und es dann zu ggf. respektlosen Kommentaren kommt, (z.B. wenn jemand einen Fehler macht) kannst du erneut darauf hinweisen. Bestimmte Kommentare und Aussagen missachten diese Bedürfnisse und verletzen Menschen. Das darf klar kommuniziert werden.  So stellst du indirekt Regeln für ein gutes Miteinander auf.

 

  1. Gerade im Schulsport kannst du deine Gruppe immer wieder einladen, alle möglichen Fehler sorgfältig zu untersuchen. Du kannst z.B. mit Video-Apps eine Bewegungsanalyse mit deiner Lerngruppe durchführen, anstatt etwas einfach als schlechte Leistung Hierfür eignen sich Apps wie Coach’s Eye (App zur Videoanalyse von Bewegungen), ChoachNow, iCLOO! oder andere. Wir haben hier eine App als Beispiel verlinkt für dich Coach’s Eye Android bzw Coach’s Eye Apple.

 

  1. Eine Analyse der Fehler wie im Impuls 2 vorgeschlagen, kann deinen Lernenden helfen, einen neuen Lernprozess anzusteuern. Tipp: Vielleicht kannst du zur (fehlgeschlagenen) Übung/ Aufgabe eine Checkliste erstellen und die Lernenden können anhand dieser Liste, selbstständig ihre Ergebnisse prüfen und so zu einem selbstständigen Lernen kommen – ohne den typischen Vorführeffekt vor der gesamten Klasse. Ein Beispiel aus dem Feld Fahren, Rollen, Gleiten: In den WHEELUP! Tutorials (die kostenfreie App findest du hier….) gibt es Hinweise während der Bewegungsanalyse. Diese Hinweise können als Checkliste dienen. Hat jemand alle Punkte beachtet und dennoch Schwierigkeiten gibt es unter den Tutorials jeweils weitere wertvolle Tipps vom WHEELUP! Coach. So gelangen deine Lernenden step by step zum Lernziel – weitgehendst selbstständig.

 

  1. Besonders im Schulsport hast du viele Möglichkeiten für eine positive Fehlerkultur. Du musst keine schriftlichen Klausuren korrigieren, auch keine Mathe-Aufgaben, in denen es eben nur ein richtig oder falsch am Ende gibt. Gib deinen Lernende immer wieder individuelles Feedback – nicht erst am „Prüfungstag“. Denn Achtung: Bekommen deine Lernenden erst am Ende diese Rückmeldungen, ist es meist einfach nur frustrierend. Es bleibt keine Zeit für Verbesserungs- oder Wiederholungsschleifen – das Feedback ist quasi wertlos. Und kein Kind wird aus der Schule kommen und sich sagen „naja dann übe ich es jetzt für mich nochmal hier zuhause, damit ich es lerne“.

 

  1. Erschaffe einen „bewertungsfreien“ Raum im Schulsport. Deine Lernenden stehen ständig unter Bewertungs-Beobachtung – sogar zuhause (wenn die Mama beim Hausaufgaben-machen über die Schulter schaut). Erschaffe (Zeit-)Räume in denen deine Lernenden frei üben und trainieren können, alleine oder im Team. Stelle ihnen Trainingshilfen und nötige Mittel zur Verfügung und sei da für Fragen – aber beobachte nicht explizit. So können die Lernenden ausprobieren, Risiken eingehen und sich frei fühlen.

 

  1. Hole dein Kollegium mit ins Boot. Ihr könnt gemeinsam Fortbildungen organisieren die sich um die positive Fehlerkultur und Problem-Solving drehen. So könnt ihr selbst Skills erlangen, wie ihr euren Lernenden zu einem positiven Bewusstsein für Fehler verhelfen könnt. Es ist ein Lernprozess, aber es lohnt sich – für Groß und Klein.

 

  1. Und ein letzter wichtiger Tipp: Mit Fehlern positiv umgehen zu können, hat viel mit der intrinsischen Motivation zu tun – lies dafür gerne in einen unserer Blogbeiträge: 3 Tipps für mehr Motivation im Sportunterricht

 

Und zum Schluss: Sortiert gemeinsam einmal die Buchstaben des Wortes „FEHLER“ einfach um:

Wie wäre es mit „HELFER“? ???? Fehler sind Helfer!

 

WHEELUP! YOU

 

TIPP: Über unseren WHEELUP! Instagram Kanal erhältst du weitere wertvolle Tipps und Hinweise zu unseren Blogthemen.

Freitag, 14:30 Uhr in der Theresienschule: Fortbildungsnachmittag. Da sitzt ein Experte zum Thema „wertschätzende Kommunikation“.

 

Aber ganz ehrlich, ich verstehe nur Bahnhof. Also ich lobe meine Lernenden schon so gut es geht, versuche immer mehr den Fokus darauf zu legen, was richtig war. Und ich rede mit ihnen auch angemessen und mit Respekt, aber die brauchen keine „Heile Welt, hallo meine lieben“. Weiß der Typ da vorne, wie die selbst untereinander kommunizieren? „Ey Bro, du siehst heut echt scheiße aus – was los?“ „Hi Bitch – wie war dein Weekend?“ Und dank Tik Tok und Co haben meine Worte auch nur 3,3 Sekunden Aufmerksamkeit, dann swipen sie (gedanklich) weiter.

Zu Gast im heutigen Blogbeitrag: M. Sc. Psychologin Laura Kopp. Sie ist systemische Beraterin und arbeitet tagtäglich mit Jugendlichen in einer offenen, verständigen und wertschätzenden Atmosphäre. 

Neben all den Herausforderungen des Alltags einer Lehrperson auch noch diese: Einerseits zeigen Wissenschaft und Forschung ganz klar, dass positives Feedback zu verbesserter Arbeitsatmosphäre, mehr Zufriedenheit und gesteigerter Leistung führt. Die pädagogische Psychologie hat vielfach erwiesen: Lernen gelingt am besten, wenn wir uns pudelwohl fühlen, in Kombination mit positiven Emotionen und frei von Zwang, Angst und Bewertung. Andererseits ist Bewertung oder Rückmeldung geben ein Hauptgeschäft der Lehrkräfte. Feedback geben, auch über das was noch nicht klappt, bietet die Grundlage dafür, dass sich Schüler entwickeln können. Im Sportunterricht steht dann auch noch (vermeintlich) der Körper der Kinder und Jugendlichen im Rampenlicht. Ein rotes Tuch für jedes Selbstwertgefühl in einer so sensiblen Phase, in der die (Ab- und) Be-Wertung der eigenen Person sowieso schon Achterbahn fährt.

 

Was für eine Aufgabe! Wie kann das Zusammengehen? „Nett sein“ aber trotzdem „lehrreich“? Partystimmung bei der Fehlerbesprechung? Kritische Rückmeldung geben aber dabei nicht abwerten? Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma bietet eine bewusst wertschätzende Sprache. Lies in diesem Beitrag über Wirken und Nutzen wertschätzender Kommunikation und lass dich von drei Impulsen für kleine Umsetzungen in deinem Alltag inspirieren. Weil es darauf ankommt, wie wir miteinander reden.

Grundbedürfnis aller Menschen: Ich will geschätzt werden… und das soll man auch hören!

Ein tiefes psychologisches Bedürfnis des Menschen ist es, sich selbst als einen respektablen, guten, wertvollen Menschen zu sehen. Dazu brauchen wir auch wohlmeinendes Feedback und positive Bestärkung von außen. Grade Heranwachsende benötigen es zur Entwicklung eines positiven Selbstbewusstseins, zur Entfaltung einer differenzierten Persönlichkeit und damit sie an Herausforderungen nicht scheitern, sondern sie meistern und aus ihnen gestärkt hervorgehen. Es erhöhen sich nicht nur Leistung und Zufriedenheit, Verhalten lässt sich auch einfach effektiver durch positive, als durch negative Rückmeldung verändern. Und vorallem: Lernen gelingt besser. Dies funktioniert, denn positive Kommunikation hat eine Wirkung auf unseren Körper: Werden wir wertgeschätzt durch positives Feedback und echte Anerkennung, aktiviert das das Belohnungszentrum im Gehirn und hemmt das Angstzentrum. Das wiederum erhöht Kreativität und Motivation. Optimale Lernbedingungen sozusagen.

 

Dieses Urverlangen nach Wertschätzung bleibt ein Leben lang bestehen. Besonders dramatisch zeigt es sich auch, wenn wir über lange Zeit keine Wertschätzung erhalten oder dauernd Abwertung erfahren. Das Gefühl nicht gut (genug) zu sein, nichts wert zu sein macht wortwörtlich krank – vom Unwohlsein, über den Leistungsabfall bis hin zu manifesten, psychischen Problemen. Im Schulalltag beobachtbare Phänomene wie (Cyber-)Mobbing, Selbst- und Fremdaggression, Suizid oder gar Amoklauf haben oft viel mit einem Mangel an Wertschätzung zu tun. Aber nicht nur der Extremfall hat Bedeutung für den Unterricht. Im Schulalltag sehen sich Kinder und Jugendliche einer ständigen Bewertung durch Lehrpersonen und Mitschüler ausgesetzt. Jeder Satz, jede Meldung, jede Regung wird in irgendeiner Form bewertet und kommentiert. Jeden Tag und jede Stunde gibt es Feedback über Leistung und Verhalten. Jede dieser Bewertungen durchläuft den inneren Kritiker. Ein abwertender Kommentar von Mitschülern oder Lehrkraft beispielsweise wirkt immer erstmal als Bedrohung für das Selbstbild. Unter den dadurch kurzfristig ausgeschütteten Stresshormonen kann sich die betroffene Person meist überhaupt nicht mehr auf den Lerninhalt konzentrieren. Er oder sie ist nämlich dann damit beschäftigt, sich innerlich (oder äußerlich) zu rechtfertigen, zu beruhigen, zu verdrängen oder mit anderen Angst-Copingstrategien. Besonders heikel: Im Sportunterricht wird vermeintlich der eigene Körper bewertet und in seinen ganzen Defiziten vor den anderen zur Schau gestellt. Das ist keinesfalls Absicht oder Ziel einer leistungs- und entwicklungsbezogenen Rückmeldung oder Hilfestellung im Sportunterricht. Dennoch wird es von vielen Kindern und Jugendlichen so wahrgenommen. In dieser Phase, in der sich Selbstbild und Selbstwertgefühl grade entwickeln,- und durchaus sehr instabil sein können – hat das oft nicht zu unterschätzende Auswirkungen. Da scheint es nachvollziehbar, dass sich manch einer lieber gar nicht erst solch einer Situation aussetzt und lieber auf der Bank oder gleich zuhause bleibt.

 

Das bedeutet natürlich nicht, dass du ab jetzt keine Kritik mehr äußern darfst oder dass wir alle nur noch „schleimen“ sollten. Es ist nun mal Realität, dass nicht alles was wir tun, von allen Seiten bejubelt wird. Und wie gesagt, eine der wichtigsten Aufgaben im Alltag einer Lehrkraft ist es ja, immer wieder Rückmeldung zu geben. Das ist nicht wegzudenken – im Gegenteil: Konstruktives Feedback ist für Lernen, Persönlichkeitsentwicklung und das Leben insgesamt unerlässlich.

 

Aber es bedeutet, dass wir genau prüfen sollten, wie wir Rückmeldungen geben, was unser Grundton in der Kommunikation ist und wie wir in den Klassenzimmern miteinander sprechen. Und es zeigt in aller Deutlichkeit: Sprache ist kein Kuschel-Thema! Wertschätzende Kommunikation meint nicht ein paar „warme Worte“, sondern ist ein echter Schlüssel für die Zusammenarbeit mit Menschen.

 

Und wie sieht es in der Praxis aus?

Wertschätzende Kommunikation im Schulalltag? Aber hallo! Auf allen Ebenen, auf denen dir Kommunikation begegnet, kannst du von bewusst wertschätzender Sprache profitieren. Für eine erste, persönliche Bestandsaufnahme können folgende drei Ebenen betrachtet werden: Wie rede ich mit meiner Schülerschaft (und sie mit mir)? Wie spreche ich mit den Eltern? Wie reden wir Lehrkräfte untereinander, miteinander, über einander? Auf allen drei Ebenen gibt es sprachliche Herausforderungen und Fallen, vermutlich kennst du selbst genug davon. Aber es gibt eben auch immer Möglichkeiten, Sprache bewusst zu gestalten.

 

Schülerschaft: Besonders schwierig wertschätzend (oder wenigstens neutral) zu kommunizieren erscheint es, wenn der Grundton in einer Klasse, Alters- oder Peer-Gruppe voll verbaler Aggression ist. Wenn Beleidigungen und Schreien Alltag oder sogar Inn sind. „Hey alte Fot**!“ – ist die beste Freundin. Überwältigt resigniert man vielleicht: „Die kennen das nur so, die können das nur so.“ Schneller als man denkt, lässt man sich selbst von diesem Sog mitreißen. Sprache färbt ab. Sprache schafft Realität. Dieser Kreislauf lässt sich aber auch umkehren: Die Lehrperson ist und bleibt Vorbild, so auch ihre Sprache. Durch bewusstes Sprach-Management in der Klasse können Kinder und Jugendliche Wertschätzung nicht nur erfahren (und genießen), sondern auch lernen, wie das geht. Welche Beleidigungen toleriere ich in der Klasse? Welche Feedbackvorschläge und alternative Formulierungen gebe ich meiner Schülerschaft an die Hand? Wie und wie oft melde ich Stärken und Erfolge zurück? Wie drücke ich mich selbst aus, wenn ich verärgert oder wütend bin? Dabei gilt, je früher man bewusst wertschätzende Kommunikation etabliert, desto stärker die Auswirkung auf das Klassenklima.

 

Elternebene: Bei der vorherrschenden Ressourcenknappheit reicht die Zeit für Elterngespräche oft grade nur so für Problem- und Krisengespräche. „Elterngespräche“ haben deswegen ja nicht so das beste Image. Keine guten Startbedingungen für konstruktive Gespräche! Eine Möglichkeit ist es ganz bewusst,- präventiv sozusagen, positiven Kontakt zu den Eltern zu suchen. Eine kurze Rückmeldung bei Erfolgen, ab und zu mal eine Rundmail nach einem gelungenen Klassenprojekt. Und statt zu schimpfen erstmal anerkennen: Grade in Krisengesprächen ist es für Eltern unglaublich wertvoll, (auch mal) positives Feedback über ihre Kinder zu bekommen. So eine wertschätzende Rückmeldung zu Beginn eines Gesprächs kann ein echter Türöffner für die folgende Krisenarbeit sein.

 

Kollegium: Wie miteinander gesprochen wird, hängt maßgeblich mit dem zugrundliegenden Klima der Wertschätzung an der Schule ab. Diese wird durch Leitbild und Leitungsebene getragen und gelebt (oder eben auch nicht). Hängen überall Anti-Mobbing-Plakate aber die Führungsebene lästert im Lehrerzimmer ordentlich mit? Wie wird über die Schülerschaft gesprochen? Wer moderiert Gespräche, greift jemand ein bei Beleidigungen und Schimpftiraden? Und welche Möglichkeiten werden den Lehrpersonen denn gegeben, ihren Frust oder Ärger anzubringen? Als Einzelperson hat man es manchmal wirklich schwer, sprachlich etwas zu ändern, wenn das Klima insgesamt nicht stimmt. Aber da wiederum liegt auch die Möglichkeit des Top-Down-Role-Models: Führungspersonen als Vorreiter, denen ein respektvoller, wertschätzender Umgang wichtig sind, können viel bewegen. Neben der Vorbild- und regulierenden Funktion können sie auch Ressourcen frei machen für kommunikationsbezogene Fortbildungen und Projekte. Aber auch du als Einzelperson kannst in deiner Arbeit, in deiner Sprache jeden Tag neu entscheiden, bewusst wertschätzend zu formulieren und somit einen Unterschied zu machen.

 

Das Wichtigste zum Schluss: Für nachhaltig wertschätzende Kommunikation in der Schule scheint es mir ganz wesentlich, entspannt zu bleiben. Sie soll einfach sein und guttun. Es geht nicht darum, jedes einzelne Wort perfekt zu formulieren und ja nie wieder etwas Negatives zu sagen. Und wenn man dann eben doch mal aus der Haut gefahren ist und die Zunge mehr Abwertung und Ärger (denn professionelle Sachlichkeit) herausgeflucht hat, kommt das Wichtigste ins Spiel: Wertschätzend mit sich selbst sein. Sich freundlich als Menschen erkennen. Die eigene Situation und Anstrengung achten. Und morgen der Wertschätzung eine neue Chance geben. Vielleicht ja mit einem der folgenden Impulse.

Drei Impulse für das Schulgeschehen

Wertschätzender Abschluss

Eine Abschlussrunde, Abschlussfeedback als Kreis oder spontanes Melden sind etablierte Methoden, einen Unterricht zu beenden. Wird so eine Feedbackrunde ritualisiert, bietet sie eine pragmatische, kurze, akzeptierte und häufig sogar von der Schülerschaft geschätzte Möglichkeit einen Unterricht oder einen Tag zu beschließen. Warum nicht mal statt dem klassischen „Das war gut“, „Das war schlecht“, oder was du sonst so kennst, ganz bewusst etwas Wertschätzung einbringen? Zum Beispiel mit folgenden Feedbackfragen:

 

Wofür möchte ich mich heute bedanken (und bei wem)? Bei wem möchte ich mich heute entschuldigen (und für was)? Was ist mir aufgefallen, was … heute echt gut gelungen ist und ich möchte es zurückmelden? Und was ist dir selbst aufgefallen, hat heute in der Klasse etwas besser oder sogar echt gut geklappt…?

 

Less Sh**-Talk in Klassenkonferenzen

Besonders gefährdet für abwertende Kommunikation sind hoch emotional aufgeladene Situationen wie die Krisen-Klassenkonferenz. Klassischerweise einberufen, wenn das Kind sozusagen schon in den Brunnen gefallen ist. Ärger und oder Verzweiflung bestimmen die Situation – oft auch sprachlich. Bei allem Verständnis für die Schwierigkeit der teilnehmenden Lehrpersonen, eine defizitorientierte, problemfokussierte Kommunikation oder ein persönliches Abwerten des „Arschloch-Kindes“ (ja, leider sprechen immer noch manche Pädagogen innerhalb der Ausübung ihres Berufes so über die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendliche) sind neuro-psychologisch gesehen einfach nicht hilfreich. Sie Vergiften nicht nur das Arbeitsklima sondern hemmen die Entwicklung von Lösungsstrategien durch das Binden kognitiver Ressourcen.

 

Natürlich darfst du darauf hinweisen, wenn die Kommunikation ein professionelles, arbeitsbezogenes Niveau verlässt – falls das die moderierende Person grade mal vergessen hat. Aber vielleicht können dir auch folgende Impulsfragen Anregung für solch herausfordernden Situationen sein:

 

Wie sprechen wir über die uns anvertrauten Kinder und Jugendliche? Wie würde es sich auf meine Leistung, Motivation und Verhalten auswirken, wenn so über mich gesprochen würde? Welche Lehrperson spricht in welcher Situation wie über die betreffenden Schüler? Welche eigenen Gefühle und Bedürfnisse könnten abwertenden Kommentaren zugrunde liegen? Welcher Lehrkraft gelingt es, trotz allem, etwas Wertschätzendes über den Index-Schüler zu sagen? Wie gelingt ihr, ihm das (nachfragen erlaubt!)? Was könnte ich selbst, an berechtigtem, positivem Feedback einbringen, um den Shift der Arbeitsatmosphäre hin zur Lösungsfokussierung zu unterstützen…?

 

Der kleinster, erster Schritt

Absolut banal und doch so essentiell: Begrüße deine Schülerschaft freundlich, mit einem Lächeln und sprich sie dabei mit ihrem Namen an. Das Bedürfnis nach Wertschätzung beginnt damit, als individuelle Person gesehen zu werden, egal in welchem Alter oder Kontext. Jemandes Namen zu kennen und ihn oder sie mit diesem anzusprechen legt den Grundstein dafür. Das ist doch selbstverständlich? Dann achte doch mal darauf: Kennst du alle Namen deiner Schüler? Und vor allem – wissen die das auch?! Wie oft begrüßt du die Kinder und Jugendlichen mit ihren Namen? Und wo befinden sich deine Mundwinkel, wenn du die Tür zum Klassensaal öffnest…?